Barrierefreie Website

Barrierefreie Website: Gesetze, Richtlinien & Pläne

19.10.2022

Was ist barrierefreies Internet?

 

Barrierefreiheit bedeutet nach deutschen Gesetzen, dass wir alle die von Menschen geschaffene Umwelt gleichermaßen nutzen können. Unabhängig davon, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht. Diese Barrierefreiheit gilt für alle Lebensbereiche, also auch für das Internet.

 

Barrierefreies Internet heißt also, dass jeder Mensch wichtige Anlaufpunkte wie beispielsweise Websites von Ämtern oder Behörden problemlos nutzen kann - aber auch die Produkte und Dienstleistungen im Netz. Dafür sollten sämtliche Informationen und Funktionen auf Websites und in Onlineshops so dargestellt werden, dass das gewährleistet ist. Eine barrierefreie Website spricht dadurch automatisch mehr Menschen an.

 

Es gibt gute Gründe dafür, Hindernisse auf Homepages zu vermeiden. Und es gibt Gesetze, Richtlinien, Kriterien und Pläne für die Zukunft. Diese möchten wir im Folgenden erläutern.

 

Wem helfen barrierefreie Webseiten?

 

In § 3 des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) heißt es:

 

Grafik einer leuchtenden Glühbirne.

"Menschen mit Behinderungen im Sinne dieses Gesetzes sind Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können. Als langfristig gilt ein Zeitraum, der mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate andauert."

 

 

Mögliche Probleme können sich unter anderem für Menschen ergeben, die gehörlos oder bzgl. des Gehörs beeinträchtigt sind.

 

Blinde Personen oder bereits diejenigen mit einer leichten bis starken Sehschwäche können im Internet auf Barrieren stoßen, indem sie Inhalte schlecht oder gar nicht wahrnehmen können.

 

Einschränkungen in der Motorik können ebenso dafür sorgen, dass barrierefreies Internet sehr hilfreich sein kann. Beispielsweise Verletzungen an Gliedmaßen, Amputationen oder andere körperliche Einschränkungen.

 

Auch für kognitive Einschränkungen gibt es Mechanismen, die den Betroffenen den Umgang mit dem Internet und den Inhalten vereinfachen können.

 

Insgesamt gibt es sehr viele, denen mit einer barrierefreien Webseite geholfen werden kann. Allein in Deutschland haben mehr als 10 Millionen Menschen eine Behinderung. Das Statistische Bundesamt spricht von 7,8 Millionen schwerbehinderten Menschen, die zum Jahresende 2021 in Deutschland gelebt haben. Dazu kommen rund zwei Millionen mit einer leichten Behinderung. Das heißt, dass der Grad der Behinderung (GdB) unter 50 liegt.

 

Was beinhaltet eine Website ohne Barrieren?

 

Um Barrieren zu vermeiden oder abzubauen, müssen sie zunächst erkannt werden. Wo können Probleme auftauchen und wie können Hindernisse beseitigt werden?

 

In der Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BITV 2.0) sind alle wichtigen Aspekte zusammengefasst. Diesbezüglich sind die sogenannten Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) am wichtigsten. Sie tauchen immer wieder auf, wenn man nach einer Art Checkliste für barrierefreie Websites sucht.

 

Die Web Content Accessibility Guidelines

 

"Die WCAG-Dokumente erläutern, wie Webinhalte für Menschen mit Behinderungen zugänglicher gemacht werden können. „Webinhalt“ bezieht sich im Allgemeinen auf die Informationen auf einer Webseite oder Webanwendung […]." (Quelle: World Wide Web Consortiums (W3C))

 

Zeichnung eines Mannes, der nachdenkt. Zwei Fragezeichen neben seinem Kopf.

Das schließt sowohl Texte, Bilder und Töne mit ein, als auch "Code oder Markup, der Struktur, Präsentation usw. definiert". Die WCAG sind Richtlinien, die immer weiter angepasst werden. Der aktuelle Standard ist WCAG 2.1 - die nachfolgende Version wird noch im Jahr 2022 erwartet.

Die Prinzipien der WCAG

 

Die Web Content Accessibility Guidelines werden in vier Prinzipien unterteilt. Sie sind der Kern der ganzen Thematik und werden in so ziemlich allen Texten und Verordnungen zum Thema Barrierefreiheit als grundlegend herausgestellt.

 

Wahrnehmbar

 

Nutzer:innen sollten alle Inhalte und Komponenten der Benutzeroberfläche mit mindestens einem ihrer Sinne wahrnehmen können. Sie müssen so dargestellt sein, dass das möglich ist.

 

Bedienbar

 

Sowohl die Komponenten der Benutzeroberfläche als auch die Navigation müssen für alle Nutzer:innen bedienbar sein. Jeder sollte also in der Lage sein, die verschiedenen Schnittstellen zu bedienen. Alle Interaktionen müssen für jeden durchführbar sein.

 

Verständlich

 

Alle Inhalte und Informationen sollten für die Nutzer:innen verständlich und nachvollziehbar sein. Ebenso die Bedienung der Nutzerschnittstellen. Nichts darf missverständlich oder unverständlich sein.

 

Robust

 

Bei der Entwicklung sollten aktuelle Webstandards und eine Vielzahl von Browsern und Browser-Versionen beachtet werden. Auch der Fortschritt der Technologien sollte mit einbezogen werden, damit die Inhalte auch langfristig zugänglich bleiben und genutzt werden können.

Die Richtlinien und Erfolgskriterien der WCAG

 

Für jedes der genannten vier Prinzipien gibt es eigene Richtlinien, die wiederum alle noch eigene Erfolgskriterien haben. Hierbei geht es unter anderem um:

 

  • Textalternativen für alles, was kein reiner Textinhalt ist
  • Anpassbarkeit, beispielsweise des Layouts
  • Unterscheidbarkeit, beispielsweise durch Farben, Kontraste oder Textgröße
  • Funktionalitäten via Tastatur bereitstellen
  • Navigierbarkeit
  • Lesbarkeit
  • Kompatibilität mit verschiedenen Systemen und Browsern

 

Jan Hellbusch ist Experte für die Beratung zur Barrierefreiheit im Internet (Accessibility Consulting) und hat die Richtlinien und Erfolgskriterien auf seiner Website über barrierefreies Webdesign ausführlich zusammengefasst. Dort können Sie jede einzelne Richtlinie mit allen dazugehörigen Erfolgskriterien einsehen.

Zeichnung von drei Händen nebeneinander. Darstellung der Buchstaben A, S und L in Gebärdensprache.
Die Gebärden stehen für A, S und L und somit für American Sign Language. In der Deutschen Gebärdensprache (DGS) würden die Buchstaben auf die gleiche Weise dargestellt.

 

Auch Gebärdensprache und die Leichte Sprache gehören zu den Faktoren für barrierefreie Webseiten. Wenn Informationen in deutscher Gebärdensprache bereitgestellt werden, müssen zum Beispiel folgende Punkte beachtet werden:

 

  1. Mimik und Mundbild der darstellenden Person müssen gut sichtbar sein.
  2. Der Hintergrund sollte statisch sein und im Idealfall weder schwarz noch weiß.
  3. Hintergrund sowie Kleidung und Hände der darstellenden Person stehen im Kontrast zueinander. Die Kleidung sollte dunkel und einfarbig sein.
  4. Das Video ist durch das Logo für die Deutsche Gebärdensprache (DGS) gekennzeichnet.

 

Für Informationen in Leichter Sprache gelten ebenfalls einige Vorgaben, unter anderem:

 

  1. Abkürzungen, Silbentrennung am Zeilenende und Verneinungen sowie Konjunktiv-, Passiv- und Genitiv-Konstruktionen vermeiden.
  2. Leser:innen, soweit inhaltlich sinnvoll, persönlich ansprechen.
  3. Kurze, gebräuchliche Begriffe und Redewendungen verwenden. Keine abstrakten Begriffe oder Fremdwörter.
  4. Kurze Sätze mit klarer Satzgliederung bilden.

 

Ob eine Website tatsächlich barrierefrei ist, kann mithilfe all dieser (und weiterer) Kriterien geprüft werden. Das kann zum Teil mithilfe einer Software passieren, teilweise müssen Expertinnen und Experten das aber auch manuell machen. Nur so können etwaige Barrieren gefunden und behoben werden.

 

Wer muss eine barrierefreie Website umsetzen?

 

Seit September 2020 gilt eine Pflicht für barrierefreie Websites vor allem für die Seiten öffentlicher Stellen. Die Basis dafür ist die EU-Richtlinie 2016/2102. Darin heißt es:

 

"Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass öffentliche Stellen die erforderlichen Maßnahmen treffen, um ihre Websites und mobilen Anwendungen besser zugänglich zu machen, indem sie sie wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust gestalten."

 

Auch hier werden also die Prinzipien der Web Content Accessibility Guidelines aufgegriffen. Diese konkrete Richtlinie besagt, dass öffentliche Stellen der Allgemeinheit den Zugang zu grundlegenden und wichtigen Informationen und Dienstleistungen im Internet barrierefrei ermöglichen müssen.

 

Die Zukunft: Der European Accessibility Act (EAA)

 

Etwa drei Jahre später haben EU-Parlament und Rat den European Accessibility Act (EAA) verabschiedet. Förmlich wird dieser europäische Rechtsakt zur Barrierefreiheit als EU-Richtlinie 2019/882 bezeichnet.

 

Diese Richtlinie zielt vor allem auf eine Sache ab: Der Binnenmarkt für barrierefreie Produkte und Dienstleistungen soll verbessert werden. Jeder EU-Mitgliedsstaat hat seine eigenen Vorschriften bezüglich des Handels. Das sorgt für Hindernisse, die durch den EAA beseitigt werden sollen. Er enthält also Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen.

 

"Rund 80 Millionen Menschen in der EU sind in irgendeiner Form von einer Behinderung betroffen", heißt es in einem Informationsblatt zum European Accessibility Act. Sie alle sollen die Möglichkeit haben, vollkommen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilzuhaben, ohne bei der Nutzung von Produkten, Dienstleistungen und Infrastrukturen immer wieder auf Hindernisse zu stoßen.

Der EAA in Deutschland

 

Es gibt einen Unterschied zwischen EU-Richtlinien und EU-Verordnungen. Eine Verordnung ist ein verbindlicher Rechtsakt, der von jedem Mitgliedstaat ohne Ausnahme und in einem genau vorgegebenen Rahmen umgesetzt werden muss. Eine Richtlinie ist hingegen ein gemeinsames Ziel, das von allen EU-Ländern erreicht werden soll. Eine Vorgabe. Wie sie rechtlich umgesetzt wird, ist in diesem Fall aber Ländersache. Die Gesetze können sich letztendlich also in Details unterscheiden. Wird eine Richtlinie gar nicht umgesetzt, kann es allerdings zu einem Vertragsverletzungsverfahren kommen.

 

In Deutschland wir der European Accessibility Act hauptsächlich im Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) umgesetzt. Das BFSG ist 2021 im Bundestag verabschiedet worden, 2025 soll es in Kraft treten. Damit laufen zu diesem Zeitpunkt auch die ersten Fristen für die Wirtschaft ab, gewisse Vorgaben umzusetzen.

 

Konkret bedeutet das: Ab Mitte 2025 wird die Pflicht zur Barrierefreiheit gesetzlich ausgeweitet! Wichtig: Websites sind nur ein kleiner Teil davon. Auch viele andere Produkte müssen ab diesem Zeitpunkt barrierefrei hergestellt und/oder gestaltet werden. Nur so kann das Ziel erreicht werden, den Binnenmarkt für eine Vielzahl von Produkten durch Barrierefreiheit zu verbessern. Darunter fallen unter anderem:

 

  • Webseiten
  • mobile Anwendungen
  • Onlinehandel
  • Computer und Betriebssysteme
  • Smartphones, Telefone oder Router
  • audiovisuelle Dienste, wie Fernsehübertragungen oder On-Demand-Dienste
  • Bankdienstleistungen (bspw. Geldautomaten)
  • Fahrkartenautomaten, Check-in-Automaten etc. im Bereich der Personenbeförderung (Bus, Bahn, Flüge, Schifffahrt)
  • Dienste für Online-Tickets
  • Hardwaresysteme wie E-Books

 

Das ist eine Auswahl dessen, was in Zukunft barrierefrei sein muss. Teilweise beziehen sich die Vorgaben für Barrierefreiheit auch nur auf bestimmte Teile einer Website oder App. Wenn beispielsweise Produkte angeboten werden, Termine gebucht oder Tickets gekauft werden sollen. Wichtig ist auch, dass alle Informationen, die für die Nutzung wichtig sind, barrierefrei mit den Produkten oder Leistungen mitgeliefert werden müssen: zum Beispiel Bedienungsanleitungen. 

 

Allerdings gibt es keine technischen Vorgaben dafür, wie die Lösungen in den verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten im Detail umgesetzt werden sollen. In Deutschland gibt es aber eine Verordnung zum Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSGV), die grundlegende technische Aspekte enthält.

 

Betrifft der European Accessibility Act jedes Unternehmen? 

 

Nein. Es gibt eine Reihe von Ausnahmen und Ausnahmeregelungen, beispielsweise für einzelne Branchen oder kleinere Unternehmen. Auch ist nicht zwangsläufig die komplette Website oder Anwendung betroffen.

 

Die Aktion Mensch hat auf Ihrer Seite einige Kritiken an der Umsetzung des European Accessibility Acts zusammengefasst. Für den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband zum Beispiel geht das Gesetz nicht weit genug, weil noch zu viele Ausnahmen gemacht würden.

 

Ein weiterer Kritikpunkt sind die langen Übergangsfristen, die gewährt würden, um die Vorgaben in die Tat umzusetzen. Die Präsidentin des Sozialverband VdK spricht von einem Schneckentempo bezüglich einer inklusiven Gesellschaft. Je nach Ausgangslage würde für die Umsetzung der Regelungen eine Frist bis 2040 gewährt, das ist wohl vor allem für Bankautomaten der Fall.

 

Und selbst wenn beispielsweise Bankautomaten irgendwann barrierefrei eingerichtet sind: Für bauliche Gegebenheiten gilt das nicht. Ebenfalls ein Problem, wenn der Automat an sich zwar von jedem Menschen gleichermaßen bedient werden kann, der Zugang zum Automaten aber gar nicht oder nur schwer möglich ist, weil das Gebäude nicht barrierefrei ist.

 

Keine dieser Kritiken ist erst nach der Verabschiedung des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes aufgekommen: Viele betroffene Personen, Vereine und Verbände haben sie schon geäußert, bevor der Bundestag das Gesetz am 20. Mai 2021 verabschiedet hat. Allerdings ohne Erfolg.

 

Fazit

 

Es gibt eine Menge Verordnungen, Richtlinien und Prinzipien, um eine barrierefreie Website zu gestalten. Teilweise sind sie schon jetzt verpflichtend, die meisten Websites sind aber noch nicht barrierefrei und müssen es gesetzlich auch noch nicht sein.

 

Im Zuge der Gleichstellung werden sich langfristig aber immer mehr Branchen und Unternehmen mit dieser Thematik auseinandersetzen müssen. Ab Mitte 2025 soll in Deutschland mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) ein Gesetz in Kraft treten, das schon deutlich mehr Unternehmen fernab öffentlicher Stellen dazu verpflichtet, Produkte und Dienstleistungen barrierefrei herzustellen und zu gestalten. Dazu zählen auch gewisse Websites, mobile Anwendungen und Onlineshops.

 

Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) sind grundlegend für barrierefreie Homepages und seit vielen Jahren unverändert - sie werden allerdings stetig erweitert. So soll dafür gesorgt werden, dass Webseiten langfristig barrierefrei bleiben. Zumindest, wenn sich die Verantwortlichen darum kümmern.

 

Auch wenn es noch lange nicht für jedes Unternehmen in absehbarer Zeit verpflichtend wird, hat es natürlich Vorteile, eine Website barrierefrei zu gestalten. Es kann helfen, mit gutem Beispiel voranzugehen. Die mögliche Zielgruppe vergrößert sich und die Reichweite kann ausgebaut werden: Denn wenn Inhalte nur schwierig oder für manche vielleicht sogar unmöglich zu erreichen sind, fallen viele Menschen als potenzielle Kundinnen und Kunden raus.

 

Im Hinblick auf alles, was wir im Zusammenhang mit Barrierefreiheit genannt haben, ist die Usability ein großer und wichtiger Punkt, der ebenfalls beachtet werden muss. Deshalb wird - neben den Tests bzgl. der Barrierefreiheit - immer auch ein Usability Testing empfohlen.

 

Wenn Sie eine Agentur mit dem Webdesign Ihrer Seite oder Ihres Onlineshops beauftragen und Barrierefreiheit wünschen, sollten Sie das im Beratungsgespräch vorab auf jeden Fall ansprechen. Bei der Programmierung müssen zusätzliche Dinge beachtet werden. Auch bei uns ist Barrierefreiheit keine Standardleistung bei der Entwicklung von Websites oder E-Commerce-Lösungen.

 

Mehr Informationen

 

Weißes Männchen, das sich an ein blaues Informations-i lehnt.

Unsere Agentur erstellt Ihre Website auf Wunsch barrierefrei. Sind noch Fragen offen? Sprechen Sie uns einfach an und wir klären alles, was Sie wissen möchten und wissen sollten.

 

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